8 % aller Träger von Amalgamfüllungen haben bei unabhängig voneinander durchgeführten Befragungen in Norwegen (2006)1 und Schweden (1993)2 gesundheitliche Probleme im Zusammenhang mit Amalgamfüllungen angegeben bzw. die Füllungen entfernen lassen. Acht Prozent sind nicht der Großteil der Bevölkerung. Aber auch keine vernachlässigbare Minderheit, wie es in der deutschen Diskussion zwischen Amalgam-Gegnern und Befürwortern oft scheint, in der je nach Standpunkt entweder „alle vergiftet“ sind – oder eben ein Fall für den Psychotherapeuten, wie es auch die umstrittene Amalgam-Studie nahelegen wollte, die durch ein deutsches Gerichtsverfahren gegen den Amalgam-Hersteller Degussa ausgelöst wurde, und die, je nach Sichtweise der Berichterstatter, entweder „Entwarnung für Amalgam“ signalisierte – oder, trotz zwölfjähriger Forschung (1996-2008!), weiterhin keine eindeutigen Ergebnisse3.
Zumindest darf die Diskussion um das Amalgam aufgrund der gut untersuchten Datenlage heute in die postideologische Ära eintreten: Auch die an der Studie beteiligten Untersucher der GZM (Internationale Gesellschaft für Ganzheitliche Zahnmedizin) fanden keine im klinischen Sinne einer Quecksilber-Intoxikation vergifteten Patienten. Keine der untersuchten diagnostischen Methoden konnte zuverlässig zwischen subjektiv gesunden und subjektiv belasteten Probanden unterscheiden. Trotzdem zeigten die Ergebnisse der kontrollierten, klinischen Studie, dass sich durch die Entfernung von Amalgamfüllungen die Hauptbeschwerden, die Lebensqualität und die psychischen Belastungen der Patienten verbesserten.
Die Frage muss erlaubt sein: Macht es Sinn, Menschen psychotherapeutisch zu behandeln, wenn deren Beschwerden genauso gut auch durch den Austausch eines Zahnfüllstoffes behoben werden könnten? Wird die Behauptung „psychosomatischer“ Effekte nicht ad absurdum geführt durch die Überlegung, dass man ebenso gut und mit einiger Evidenz auch somato-psychische Effekte annehmen kann? (Untersuchungen derselben Studie belegen low-dose-Effekte von Quecksilber auf Immun- und Funktionszellen: Lymphozyten reagieren in vitro auf niedrige Dosen von Quecksilber mit Suppression. Funktionszellen (Leber, Nieren, Nervenzellen) zeigen in vitro eine verminderte Anpassungsfähigkeit der zellulären Stress-Reaktion)
Ein umweltmedizinisch sinnvoller und für die Betroffenen weniger diskriminierender Ansatz wäre es dann, bei möglicherweise multipel belasteten Menschen erst auf der überschaubaren, vergleichsweise leicht zugänglichen körperlich-physischen Ebene zu behandeln (Entlastung des Organismus von Schwermetallbelastungen), bevor man weitere, möglicherweise seelische Belastungen auch nur postuliert (oder behandelt).
Eine Einschränkung hierfür ergibt sich bei Patienten, die im Sinne einer negativen Focusierung (möglicherweise auch nach traumatischen Erfahrungen beim Zahnarzt) eine besondere Zuwendung benötigen, bevor sie einem für sie zielführenden Behandlungsansatz überhaupt zugänglich werden.